Mittwoch, 17. Februar 2010

D´r Altreucher



Die Franzinellis sind in der Wolle gefärbte Rheinländer. Das gute alte Köln ist uns näher als jede andere Stadt auf dem Planeten, und das ist nicht nur räumlich gemeint. Heute wollen wir Ihnen deshalb mal ein wunderbares Wort in kölscher Mundart vorstellen, das einen ulkigen Typen beschreibt, wie es ihn heute so oft nicht mehr gibt. Verehrte Damen und Herren, lernen Sie kennen:


D´r Altreucher


Denken Sie einmal an einen kleinen Laden in einer engen, kopfsteingepflasterten Altstadtgasse. Ihr Blick fällt eher zufällig auf das Schaufenster mit dem Schriftzug „Curiosa“ – oder auch „Kuriosa“ oder „Antik“, das ist ganz egal –, und kurzentschlossen treten Sie ein.


Das Etablissemang hinter der Tür ist eher hoch als breit und nach hinten durch ein bißchen düster, die Farbe des Wandanstrichs kann man nichtmal mehr ahnen, der Fußboden ist schief , aber das spielt keine Rolle, weil man sowieso nicht viel davon sieht. Der ganze Laden ist nämlich von vorne bis hinten und von oben bis unten vollgestellt mit Altertümchen in sämtlichen denkbaren Varianten: Stühle und Blumensäulen, Spiegel und Uhren, Nachttöpfe aus Porzellan, Gläser, Backformen, Ölgemälde, Schubladenkommoden, Tischgeschirr und Bilderrahmen. Irgendwo dazwischen träumt eine Vitrine mit Fingerhüten, Pillendosen, Heiligenfiguren und alten Brillengestellen vor sich hin, und auf einem Tisch stapeln sich ledergebundene Bücher in unsicheren Türmen neben einem Radio aus dem Jahr Pief.


Ihnen ist allerdings schon auf den ersten Blick aufgefallen, daß die Stühle mal neue Sitzbezüge vertragen könnten und die meisten Spiegel ein bißchen blind aussehen. Einem Heiligen in der Vitrine fehlt ein Stück vom Gesicht, die Uhren sind sämtlich schon vor Jahr und Tag stehengeblieben. Die Bücher – nun ja, die Bücher duften ziemlich streng, als hätten sie den größten Teil ihres Daseins in einem sehr tiefen und feuchten Keller verbracht. Insgesamt, bemerken Sie jetzt, ist der Duft in dem Lädchen eher befremdlich, und es scheint auch längere Zeit kein Staub gewischt worden zu sein – wenn überhaupt jemals.


Und in diesem Moment entdecken Sie ziemlich weit hinten, da, wo es ein bißchen düster wird, einen Winkel, in dem halb verborgen ein mit Papieren überhäufter, unaufgeräumter Sekretär steht. Darauf brennt eine funzelige Schreibtischlampe. Und mittenmang sitzt ein kleiner ältlicher Kerl mit speckigen Augengläsern, einer zauseligen Frisur in undefinierbarem Grau und nicht gerade unirdisch sauberen Kleidern. Sagen tut der nix, der Kerl, und wenn Sie ihn begrüßen, können Sie froh sein, wenn er irgendetwas unverständliches brummt. Das ist d´r Altreucher.


D´r Altreucher ist der Ladenbesitzer und gleichzeitig der Sammler all der alten Schätze. Der Laden ist sein Zuhause, sozusagen sein Wohnzimmer, und eigentlich ist er gar nicht so scharf darauf, Ihnen etwas zu verkaufen: Das würde nur die Ordnung stören. Denn auch wenn Sie es beim besten Willen nicht erkennen können – da gibt es ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht, und die wackeligen Möbel und halbblinden Spiegel und das angeschlagene Porzellan bilden miteinander ein verwunschenes Stilleben. Sobald Sie etwas kaufen, entsteht ein leerer Fleck. Und das hat d´r Altreucher nicht so gern. Eigentlich würde er sich am liebsten garnicht von seinen Preziosen trennen, die er über Jahrewigkeiten gesammelt hat.


Natürlich kaufen Sie trotzdem etwas, denn wer einen Sinn dafür hat, findet in solch einem Laden immer einen Gegenstand, an den er sofort sein Herz hängt: eine französische Pillenschachtel vielleicht, aus Pappe und gut erhalten. Ein Engelsköpfchen, nicht holzgeschnitzt, sondern nur aus Gips, aber wunderhübsch. Eine Straßbrosche, ein Kästchen für Spielkarten, eine holländische Teetasse.

Und während Sie glücklich das Portemonnaie zücken und laut darüber nachdenken, an welcher Stelle in Ihrem Haushalt die Neuerwerbung demnäxt ihr Plätzchen finden wird, stellen Sie erstaunt fest, daß d´r Altreucher ein bißchen zugänglicher wird. Nicht gerade, daß er eine Unterhaltung mit Ihnen anfängt. Er steht nicht mal von seinem Stuhl auf. Aber er gibt Ihnen einen kleinen Rabatt und wickelt Ihren Kauf umständlich, doch sorgsam in zerknittertes Zeitungspapier. Sie bedanken sich und ziehen Ihrer Wege. Und d´r Altreucher erhebt sich jetzt doch von seinem Stuhl und macht sich daran, die Lücke zu schließen, die Sie in seinem Sortiment hinterlassen haben. Rückt das alter Radio auf dem Tisch herum und holt den Heiligen mit dem halben Gesicht aus der Vitrine auf einen neuen Platz. Schließlich muß alles seine Ordnung haben…


"Altreucher, Altrüscher: … Althändler; früher vorzüglich in abgelegenen Straßen ansässig…"

aus: Neuer Koelnischer Sprachschatz, Prof. Dr. Adam Wrede


Alle Fotos: Casa Franzinelli. Sie sehen, Altreucher sind überall!

1 Kommentar:

  1. Wie wundervoll........Es gibt sie tatsächlich überall und mir war gerade so, als wüßte ich GENAU, welchen Laden und welchen Altreucher ihr meint......;-))))

    Und....man hat tatsächlich immer das Gefühl, man würde in einem fremden Wohnzimmer stöbern....;-)))

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